RNZ v. 09.03.2010

"Einfach drauf loslesen" reicht nicht

Die Erste "Staffel" Frauen und Männer hat sich zu Lesepaten fortbilden lassen - Initiative der Bürgerstiftung für die Region Mosbach

„Ein Huhn und ein Hahn, die Geschichte fängt an“ - ein Sprechvers wie dieser eignet sich bestens als Einstiegsritual für eine „Vorlesung“ im Kindergarten. Im Raum Mosbach fängt damit gewissermaßen auch eine Geschichte an. Nämlich die der Lesepaten. Einer Initiative der Bürgerstiftung für die Region Mosbach und des Kreisverbandes des Deutschen Kinderschutzbundes ist zu verdanken, dass nun die erste Staffel von Lesepaten auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit vorbereitet wurde.

Ins Rollen gebracht wurde die Aktion von Christel Mayer. Die Kreisseniorenrätin weiß - auch aus ihrer Zeit als Schulleiterin - um die Bedeutung der Lesekompetenz. „Viele Kinder und Jugendliche möchten Neuland betreten, neue Räume erkunden, aber ihnen fehlt der Schlüssel dazu“, wandte sie sich an die künftigen Vorleserinnen und Vorleser im Steinerhaus der Volksbank Mosbach, „Sie können ihnen diesen Schlüssel geben.“

Manche und mancher unter den Teilnehmern hat bereits (öffentliche) Vorlese-Erfahrung gesammelt, alle kennen es aus dem Umgang mit eigenen Kindern und Enkeln. Lehrerinnen und Erzieherinnen, Großväter und -mütter sitzen da. Sie eint die Freude am Lesen und der Wunsch, diese Freude weiter zu vermitteln, auch und gerade an jene, die im Elternhaus nicht dazu motiviert werden,

Mit Barbara Knieling aus Stuttgart konnte Mayer eine kompetente Fortbildungsreferentin für genau diese Aufgabe gewinnen. Die resolute Reichenbucherin setzte sich für die Idee der Lesepaten als einen weiteren Baustein bei der Bürgerstiftung ein und konnte außerdem die Heilbronner Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM) als Sponsor gewinnen. Und so „lernten“ die Paten nicht nur kostenlos, sondern noch dazu im angenehmen Rahmen des Steiner Saals inklusive Verpflegung für den ganzen Tag. Für Doris Köhl, die Volksbank-Direktor Klaus Saffenreuther vertrat, wird mit dem Projekt Lesepaten das Prinzip der Genossenschaft („Da helfen, wo´s brennt“) verwirklicht.

Einfach drauf loslesen - wer meint, dass es so einfach wäre, irrt. Denn je weniger selbstverständlich es ist, überhaupt zu lesen, so viel lässt sich bedenken und ausführen zum Thema Vorlesen. In der eintägigen Schulung bekamen die lesebegeisterten und durchaus schon erfahrenen Vorleser zusätzliches Rüstzeug an die Hand. Gut strukturiert und ihre Zuhörerinnen und Zuhörer einbeziehend, wagte sich Barbara Knieling tiefer vor ins Geheimnis des Vorlesens, gab Antworten auf Fragen, wie man eine lesefreundliche Atmosphäre schafft, wie lange Kinder zuhören können oder welche Themen Kinder in welchem Alter interessieren. Auch wie es gelingt, mit einem Einstiegsritual Vorfreude, mit Requisiten Spannung und mit der richtigen Auswahl einer Geschichte Interesse am Lesen zu wecken, erfuhren die Vorleser, die nicht nur aus Mosbach kamen.

Und wie kommen nun die Paten zu den Kindern? Christel Mayer erläuterte, dass die Samstag-Schulung die erste Stufe des Projekts Lesepaten sei. „Sie bekommen am Ende des Tages nicht nur eine Urkunde, sondern einen Rückmeldebogen, mit dem wir eine Lesepaten-Datei aufbauen.“ Aus dieser können interessierte Kindergärten, Schulen, aber ebenso auch Altenheime schöpfen und direkten Kontakt zu einem der Lesepaten aufnehmen und individuelle Absprachen treffen. Mayer selbst wird in den kommenden Wochen und Monaten in die Leitungskonferenzen der Kindergärten und Schulen gehen, um das Projekt vorzustellen. Im September soll mit öffentlichen Vorlese-Aktionen in der Stadt für Schmökern geworben werden, eine weitere Stufe sieht das Vorlesen an besonderen Orten vor. „Wir denken etwa an Gruselgeschichten auf einer unserer Burgen“, sagte Mayer. Und das große Fernziel lautet zweisprachiges Vorlesen: „Dafür brauchen wir Mitbürger, die zweisprachig sind.“

Die Zeichen jedenfalls stehen gut. Wurden bei dieser ersten Schulung rund 20 Vorleserinnen und Vorleser ausgebildet, so haben sich für den zweiten Termin im April schon 30 gemeldet. Und Christel Mayer fasst für den Herbst eine dritte Staffel ins Auge. Vielleicht wird eines Tages eines der Kinder ausrufen, was eine der Teilnehmerinnen über ihr Engagement für die Lesepatenschaft benannte: „Ich lese für mein Leben gern!“